Mustafe Kastrati blickt auf sein Masterstudium in Göttingen zurück
Unter den ersten 16 Studierenden war auch Mustafe Kastrati aus dem Kosovo, den Professor Dr. Ulrich Harteisen, Professor für Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung, nach mehr als 20 Jahren jetzt in seiner Heimat besuchte.
Mustafe Kastrati stammt aus dem kleinen Dorf Radoste im Westen des Kosovo. Aufgewachsen auf einem Bauernhof war er schon als Jugendlicher in die Feldarbeit eingebunden und so entstand seine Leidenschaft für die Landwirtschaft. Nach der Schule entschied er sich für das Studium der Landwirtschaft an der Universität Pristina. Sein Leben änderte sich dann aber grundlegend als Soldat im Kosovokrieg (1998–1999). Nach dieser dramatischen Zeit erhielt er Anfang der 2000er Jahre ein Stipendium der Carl-Duisberg-Gesellschaft und die Möglichkeit, in Deutschland ein Praktikum zu machen. Als Professor Harteisen im Hebst 2002 auf der EUREGIA in Leipzig, der damals größten Fachmesse für Standort- und Regionalentwicklung, den neuen Masterstudiengang Regionalmanagement und Wirtschaftsförderung präsentierte, war Mustafe Kastrati unter den Zuhörern und nach einem intensiven Gespräch zählte er ein Jahr später dann zu den ersten Studierenden dieses ganz neuen Masterstudienangebots.
Schon in der Praxisphase zog es ihn immer wieder in die Heimat. Er absolvierte das Pflichtpraktikum im Büro der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Pristina und beschäftigte sich dort mit Fragen der Regionalentwicklung. In Kooperation mit der GIZ entstand dann auch seine Masterarbeit mit dem Titel „Perspektiven einer nachhaltigen Regionalentwicklung in der Sharri-Region/ Kosovo“, die Professor Harteisen betreuen durfte. “Schon vor 20 Jahren bin ich im Rahmen der Betreuung der Masterarbeit mit Mustafe Kastrati durch die Sharriberge gewandert und wir haben über die Möglichkeiten der Regionalvermarktung der vielen ausgewöhnlichen landwirtschaftlichen Produkte diskutiert. Während weiterer gemeinsamer privater Reisen durch das Kosovo, Albanien und Montenegro entstand nicht nur eine Freundschaft, sondern auch ein vertiefter Einblick in die kulturelle und landschaftliche Vielfalt dieser europäischen Großregion“, erinnert sich Ulrich Harteisen. Mit der Idee im Kopf, eine Fachexkursion in den Kosovo vorzubereiten, flog Harteisen im Juni 2026 wieder einmal nach Pristina. Mit Mustafe Kastrati, der nun schon 21 Jahre bei der GIZ arbeitet und überall im Kosovo Projekte der Regionalentwicklung durchgeführt hat, ging es u.a. in den Nationalpark Bjeshkët e Nemuna, der an Montenegro und Albanien angrenzt. „Die wilde Bergwelt ist ein attraktives Ziel für Naturfans und mit dem Fernwanderweg ‚Peaks of the Balkan‘, ebenfalls ein Projekt, welches von der GIZ mit entwickelt wurde, gibt es eine sehr gute Möglichkeit, diesen Nationalpark zu erleben“, so Harteisen. Nach einer Wanderung durch blühende artenreiche Bergwiesen mit beeindruckenden Ausblicken übernachteten die beiden in einem Berggasthof und schauten gemeinsam auf das Studium in Göttingen und die Berufsjahre von Mustafe Kastrati zurück.
UH: Woran erinnerst Du Dich in Bezug auf das Studium in Göttingen?
MK: Ich habe das Studentenleben in der schönen und lebendigen Stadt Göttingen sehr genossen. Nach der Katastrophe des Krieges war das eine Zeit, in der ich wieder Ruhe und Kraft und auch Mut für die Zukunft gewinnen konnte. Unsere Gruppe war toll und wir sind oft am Abend gemeinsam in der Stadt unterwegs gewesen. Das Studium an der HAWK war ganz anders, als ich es von der Universität Pristina kannte. Vor allem der Praxisbezug – wir haben das Tourismusseminar in Duderstadt durchgeführt und dort viele Tourismusakteure persönlich kennengelernt – war für mich neu und die Erfahrungen nutzen mir noch heute in meinem Berufsalltag. Auch die Projektarbeit zu Entwicklungsmöglichkeiten der Tourismusregion „Seeburger See“ ist mir gut in Erinnerung und dann natürlich die große Exkursion nach Slowenien. Slowenien gehörte ja einmal zu Jugoslawien und wir hatten mit serbokroatisch eine gemeinsame Sprache, so konnte ich während der Exkursion oft übersetzen und Türen öffnen.
UH: Ja, daran erinnere ich mich gut. Das war wirklich toll, dass Du die Sprachbarrieren für uns überwinden konntest. Du bist dann ja schon im Praktikum wieder zurück in das Kosovo gegangen. Viele Deiner Landsleute leben in Deutschland, wie kam es zu der Entscheidung zurück in die Heimat zu gehen?
MK: Es war für mich immer klar, dass ich zurückgehe, um einen Beitrag zum Aufbau meines Landes zu leisten. Im Masterstudium hatte ich gelernt und praktisch erfahren, wie wichtig die Vernetzung der unterschiedlichen Akteure für den Erfolg eines Projektes ist. Mit diesem Ansatz verfolge ich bis heute all meine Projekte. Es war natürlich toll, dass ich nach dem Praktikum bei der GIZ in Pristina die Chance bekommen habe, beruflich dort einzusteigen und daraus sind nun 21 Jahre in der Internationalen Entwicklungszusammenarbeit geworden. Mir ist es bis heute ein großes Anliegen regionale Initiativen zu unterstützen, so konnten wir z.B. eine Frauengenossenschaft beim Aufbau von Betriebsstrukturen zur Vermarktung regionaler landwirtschaftlicher Produkte unterstützen und die Entwicklung eines Betriebs zum Anbau von Heilpflanzen initiieren. Ökonomisch besonders erfolgreich ist das Projekt zur Forellenzucht in Istok, einer Stadt ganz im Norden des Kosovo. Wir konnten durch Beratung dazu beitragen, dass die Forellenzucht ökonomisch heute außerordentlich erfolgreich betrieben wird. Im örtlichen Restaurant werden vielfältige Forellenspezialitäten angeboten und zudem wurde ein neues Hotel gebaut. Seit unserem letzten Besuch 2007 konnte sich die Region dadurch entscheidend weiter entwickeln. Die Forelle ist damit auch ein Impulsgeber für den Tourismus.
UH: Hast Du Tipps für unsere aktuellen Studierenden, wie der Übergang vom Studium in den Beruf gelingen kann?
MK: Mut haben und Chancen ergreifen. Man kann alles schaffen. Es ist wichtig, dass man erkennt, was man selbst will und was einen motiviert und dazu bietet das Pflichtpraktikum sehr gute Möglichkeiten.
UH: Was ist für Dich im Berufsleben wichtig und welche Projekte leitest Du aktuell?
MK: Ich möchte mit meinen Projekten Wirkung erzielen. Das Kosovo hat grundsätzlich die Potenziale zur Erzeugung hochwertiger landwirtschaftlicher Produkte. Oft fehlt es jedoch an qualifizierten Mitarbeiter*innen und an Kenntnissen der Vermarktung. Hier setzen wir mit unseren Projekten an und bieten Qualifizierungsprogramme in verschiedenen Sektoren der landwirtschaftlichen Produktion, Veredlung und Vermarktung. Nischenprodukte in Bioqualität, wie Waldbeeren oder Heilpflanzen, kommt in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung zu. Insgesamt möchten wir mit unseren Projekten das Kosovo fit für die EU machen. Ein Beitritt zur EU ist für das Kosovo überlebenswichtig, auch um den Frieden zu sichern.
UH: Von der Landwirtschaft zum Weinbau: Seit einigen Jahren betreibst Du auf dem elterlichen Hof im Dorf Radoste, in dem Du aufgewachsen bist, ein Weingut. Wie kam es dazu?
MK: Der Weinanbau hat in meiner Heimatregion Rahovec eine lange Tradition. Wir haben zu Hause immer auch Wein, aber eher zum Eigenverbrauch, angebaut. Mir ist es wichtig, lokale Rebsorten zu erhalten und so die Weinbaukultur meiner Region zu bewahren und außergewöhnliche Weine zu produzieren. Mittlerweile baue ich auf 5 Hektar Fläche Weinreben an und vermarkte meine Weine unter der Marke „Tradita“ weit über die Grenzen des Kosovo hinaus. Ihr seid immer herzlich willkommen zu einer Weinverkostung.
UH: Herzlichen Dank für die Einladung. Tatsächlich ist das kleine Land in Deutschland relativ unbekannt, aber als kleiner, überschaubarer und kulturell wie landschaftlich vielfältiger Raum ein sehr geeignetes Exkursionsziel für unseren Studiengang.