Ideenpräsentationen zwischen Veranstaltungsort und sozialem Wohnraum
Seit dem Erwerb des Guts Steuerwald im Jahr 2022 plant die Vinzenz Bernward Stiftung, das weitläufige Gelände schrittweise zu einem gemeinschaftlichen Lebensort zu entwickeln. Der inhaltliche Fokus liegt auf sozialräumlicher Inklusion sowie der Schaffung von Begegnungsstätten für verschiedene Gesellschaftsgruppen auf der Grundlage christlicher Werte.
Um konkrete Nutzungsperspektiven für die teils brachliegenden historischen Gebäude auszuloten, kooperierte die Stiftung im vergangenen Semester mit der HAWK. Unter der Leitung des Lehrbeauftragten Simone Boldrin am Fachgebiet von Prof. Dr. Ines Lüder erarbeiteten 18 angehende Architekt*innen im Masterstudium neun unterschiedliche Entwurfskonzepte. „Das war ein bisschen die Schule des Denkens“, sagt Boldrin zur Aufgabenstellung. Dabei habe jede Gruppe die Möglichkeit gehabt, einen Bereich auszuwählen und hierfür eine eigene Vision zu entwickeln: „Das war genau das Interessante: Ein materieller Ort ist die Realität und dann eine Vision von Leben zu entwickeln“.
Das im Norden Hildesheims gelegene Areal umfasst unter anderem eine alte Schmiede, eine Amtsscheune, Stallungen und die Magdalenenkapelle. Da der örtliche Reit- und Fahrverein als langfristiger Pächter auf dem Gelände verbleibt, konzentrierten sich die planerischen Überlegungen auf die derzeit ungenutzten Baukörper. Eine fachliche Herausforderung für die Studierenden bestand darin, praktikable Lösungen für ein Miteinander von Wohnen, Arbeiten und Freizeit zu finden, ohne die historische Substanz zu gefährden. Am Ende sei eine kollektive Arbeit entstanden, bei der die einzelnen Gebäudekonzepte komplementär sind und modular ineinandergreifen. „Man sieht, dass sich im Prinzip eine Gemeinschaft entwickelt hat. Das war mein Ziel und deswegen bin ich auch sehr zufrieden“, sagt Boldrin über den Arbeitsprozess.
Die Ideen der Studierenden gestalten sich dabei sehr vielfältig: Jaklyn Aselmeier und Anna Wittneben nahmen sich der sogenannten Amtsscheune an. Ihr Entwurf sieht vor, das ehemals als Strohlager genutzte Bauwerk in einen öffentlichen Veranstaltungsort umzuwandeln. Durch ein neu konzipiertes Torgebäude soll eine räumliche und funktionale Verbindung zu einem bestehenden, momentan leerstehenden Hofladen geschaffen werden. Im Inneren der Scheune sind ihren Ideen nach eine Bühne sowie ein Kinobereich vorgesehen, um vielfältige Nutzungen zu ermöglichen. „Hinter dem Konzept der Kulturscheune verbirgt sich eigentlich ein Zusammenkommen von Menschen; dass es einen Ort gibt, wo gefeiert werden kann, wo man sich austauschen kann“, beschreibt Jaklyn Aselmeier den gemeinschaftlichen Entwurf.
Einen etwas anderen, primär sozialen Schwerpunkt setzten Marwa Alsaloum und Mariam Othman. Die beiden Studentinnen widmeten sich den zwei Gebäuden im nördlichen Bereich des Guts und konzipierten darin neuen Wohnraum, der spezifisch auf die Bedürfnisse von alleinerziehenden Müttern – darunter auch Studentinnen –zugeschnitten ist. Die architektonische Umsetzung sieht eine bauliche Abstufung zwischen gemeinschaftlich genutzten Zonen und privaten Rückzugsräumen vor. Für das Erdgeschoss planen die beiden eine öffentliche Nutzung mit einem Café, während der Außenbereich als Treffpunkt mit Spielflächen für Kinder fungieren soll. „Die Besucherinnen und Besucher können dort im Sommer sitzen, während ihre Kinder auf dem Spielplatz spielen“, so Mariam Othman.
Die Präsentation der Modelle im Mutterhaus der Vinzentinerinnen bot den Auftraggebern auch eine Gelegenheit, die planerischen Ansätze auf ihre inhaltliche Realisierbarkeit zu prüfen. Die Vertreter*innen der Kongregation der barmherzigen Schwestern bewerteten die Ausarbeitungen positiv. „Was ich sofort schön und gut finde, ist das Wort Kulturscheune, das hat mir einfach gefallen, weil es das noch nicht gibt, praktisch als Veranstaltungsort“, so Schwester M. Teresa Slaby, Generaloberin der Kongregation. Auch die Schaffung von Bildungs- und Begegnungsstätten entspräche den langfristigen Vorstellungen des Ordens, so Slaby: „Das sind gemeinsame Lernorte und auch Einzelorte zum Sich-Zurückziehen. Das ist etwas, was meines Erachtens heute notwendig ist, und in die Entwicklung der Gesellschaft eingebracht werden muss: dass Beziehungsräume da sein müssen.“
Thomas Naumann, Geschäftsführer der Kongregation und Vorstand der Vinzenz Bernward Stiftung, zog ebenfalls ein positives Resümee – er empfand die Zusammenarbeit mit der HAWK gut und befruchtend. Er erklärte, dass die Stiftung das Gut unter anderem als Wohnort für Menschen mit und ohne Behinderung, für Senior*innen und für jüngere Generationen entwickeln wolle. Viele der Vorschläge der Studierenden seien mit den bisherigen strategischen Überlegungen der Eigentümer*innen gut vereinbar: „Die Ausarbeitungsart der Entwürfe war in jeder Richtung gut. Allerdings fand ich zwei Ideen sehr bestechend: Zum einen den Entwurf, der die Amtsscheune als Kulturscheune darstellt und dann denjenigen, für junge, studierende Mütter Wohnort zu schaffen. Das fand ich eine herausragende, gute Idee, die wir sicherlich auch aufgreifen werden“.
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