Delegation aus Peru besucht HAWK / intern. Lehr- und Forschungsnetzwerk als Ziel
Am 2. Tag ihres Besuchs an der HAWK steht die Delegation aus Chachapoyas im Innenhof der Fakultät Ingenieurwissenschaften und Gesundheit in Göttingen. Am Vortag hatten Rektor Dr. Jorge Luis Maicelo Quintana und Dr. Hector Vasquez Perez, Direktor des Promotionsprogramms der Universidad Nacional Toribio Rodríguez De Mendoza (UNTRM), im Präsidium in Hildesheim Pläne und Erwartungen vorgestellt. Jetzt geht es um Technik zum Anfassen.
Im Hof steht ein Forstroboter mit Kettenantrieb für unwegsames Gelände. Daneben befindet sich ein „Robotik-Hochbeet“. Darin überwacht und versorgt ein bewegliches Modul mit vielen Sensoren und einem Bewässerungsschlauch Boden und Pflanzen. Prof. Dr. Thomas Linkugel und sein wissenschaftlicher Mitarbeiter Niklas Noack vom Autonomous Mobile Robotics Lab der Fakultät erklären den internationalen Gästen, wie sich der Roboter autonom durch den Wald bewegt und Daten zum Zustand der Bäume sammelt. Die peruanische Delegation filmt, macht Fotos und stellt Fragen. Im Hinterkopf hat sie die Wälder ihrer Amazonasregion.
Prof. Dr. Helge Walentowski organisiert das Projekt. An der Fakultät Ressourcenmanagement baut er das Netzwerk Lateinamerika gemeinsam mit HAWK-Gastwissenschaftler Dr. Jürgen Homeier weiter aus und begleitet die Delegation. Für ihn ist der Rundgang mehr als eine Laborführung: Er sehe darin einen Prüfstein, ob sich die seit Jahren wachsenden Kontakte zu einer tragfähigen Struktur verdichten ließen: „Wir wollen unsere Aktivitäten im Netzwerk Lateinamerika und Spanien intensivieren. Dafür haben wir eine ganze Reihe von Kooperationspartner*innen in Lateinamerika und sind bestrebt, nachhaltige Entwicklungen für einen dauerhaften Austausch von Wissenschaftler*innen, Studierenden und Forschenden zu initiieren.“
Die Kooperation zwischen der HAWK und der UNTRM besteht seit mehreren Jahren. Dazu gehören Gastvorlesungen, Feldkurse, Abschlussarbeiten und einzelne Forschungsprojekte. Inzwischen ist daraus ein internationales Netzwerk gewachsen, das Forschung, Lehre und Wissenstransfer zu globalen Nachhaltigkeitsfragen verbindet.
Im Zentrum steht die Frage, wie sich Klimaresilienz, Waldökologie und nachhaltige Ressourcennutzung so zusammendenken lassen, dass sie für Andenwälder ebenso relevant sind wie für europäische Regionen. Eine gemeinsame Charta mit 7 Hebelpunkten soll diesen Anspruch ordnen. Sie reicht von guter Bildung über Lebenszyklusanalysen bis zu regionalen Wertschöpfungsketten.
Auch Rektor Dr. Jorge Luis Maicelo Quintana verbindet mit der Reise einen klaren Auftrag. Für ihn ist die Partnerschaft mit der HAWK ein Baustein in der Strategie seiner Universität, die eigene Region im Amazonasgebiet wissenschaftlich zu stärken. Es gehe darum, gemeinsam Forschung und Ausbildung aufzubauen, die direkt auf den Schutz der Wälder und die Entwicklung der Gemeinden zielen. Der Besuch in Göttingen zeige ihm, sagt er, „dass wir Partner haben, die unsere Herausforderungen im Tropenwald ernst nehmen und bereit sind, Verantwortung zu teilen – im Labor und im Feld“. Denn die Nachfrage von Interessierten in Peru übersteige das Angebot.
Nun soll aus dieser gewachsenen Verbindung ein strukturiertes, längerfristiges Verbundprojekt werden. „TRANS-RESIL-FOREST“ heißt der Antrag, den die HAWK beim DAAD-Programm HAW. International eingereicht hat. Beteiligt sind neben der UNTRM auch Partner*innen in Ecuador, Argentinien und Chile. Geplant sind eine Summer School in Patagonien im Jahr 2027 und ein Feldpraktikum in Ecuador oder Peru im Jahr 2029.
Der Verbund soll zukünftig internationale Lehrmodule schaffen, Mobilitäten finanzieren und die Zusammenarbeit mit Praxispartner*innen in Forstwirtschaft und Regionalentwicklung absichern. Für Walentowski ist das mehr als ein weiteres Projekt. Er spricht von einer Chance, „unsere bisherigen Kooperationen in eine gemeinsame Struktur zu überführen, die auch nach Projektende trägt“.
Für Prof. Dr. Jörg Lahner liegt der Kern der Kooperation im Alltag der Beteiligten. „Entscheidend sind die Kolleg*innen und ihre Forschungsgebiete – über die Forschung kommt die Zusammenarbeit zustande“, sagt der HAWK-Präsident (m.d.W.d.G.b.) und Vizepräsident für Forschung und Transfer. Die UNTRM habe ein ähnliches Profil wie die HAWK, mit stärkerem Schwerpunkt auf Agrarwissenschaft, und sei „im Wachstum begriffen, sehr stark im Forschungsbereich und auf der Suche nach Kooperationen“. Ihm gehe es um eine Beziehung, die nicht nur in eine Richtung läuft: „Das macht es auch interessant.“ Zudem passe es sich in die Internationalisierungsstrategie der Hochschule ein und zahle darauf ein, das Thema Nachhaltigkeit breiter behandeln zu können.
Walentowski betont dabei besonders die Perspektive der Studierenden. Für ihn entscheidet sich die Qualität der Partnerschaft daran, „ob wir langfristig Abschlussarbeiten, Promotionen und konkrete Projekte in beiden Regionen sehen“.
Was diese Zusammenarbeit für einzelne Menschen bedeutet, zeigt sich in einem Labor der Fakultät Ingenieurwissenschaften und Gesundheit. Dort arbeitet Andrée Euribe Vargas, Mechatronik-Ingenieur aus Chachapoyas und Doktorand im Programm „Ciencias para el Desarrollo Sustentable“ – auf Deutsch: Wissenschaften für nachhaltige Entwicklung.
„Robotik gibt es an meiner Heimatuniversität praktisch nicht, die Labore sind sehr klein und sehr einfach“, sagt er. „Und hier in Göttingen habe ich ein großes Labor für Robotik und Elektronik. “
In seiner Dissertation entwickelt er ein elektronisches Gerät zur Vorwarnung vor der Pilzkrankheit Monilia im Kakaoanbau. Das Gerät liefert Mikroklimadaten aus dem Feld in Echtzeit. Wenn alles gut läuft, möchte er das System mit Kakaoanbauenden in Peru testen und später auf weitere Kulturen ausdehnen. Außerdem will er das, was er in Göttingen gelernt hat, in der Lehre weitergeben.
Eine ähnliche Linie verfolgt Rosalynn Rivera López. Auch sie ist aus der Amazonasregion für ihr Promotionsvorhaben nach Göttingen gekommen. Die Biologin untersucht in ihrer Doktorarbeit die Baumvegetation in nordperuanischen Bergwäldern. Göttingen habe sie gewählt, weil es dort „eine starke Entwicklung im forstlichen Bereich“ gebe, die eng mit ihrer Forschung zusammenhänge.
„Die Untersuchungen hier sind sehr aktuell“, sagt sie. In Peru begännen viele Forschungsstränge erst. Hier könne sie auf etablierte Projekte aufsetzen. Beeindruckt hat sie, „dass hier sehr junge Menschen schon sehr gut ausgebildet sind“, während viele in Peru erst deutlich später ein Promotionsstudium aufnehmen. Auch ihre Pläne nach dem Aufenthalt in Göttingen sind klar: Sie möchte ihr Wissen in Peru teilen, um zur Entwicklung ihres Landes beizutragen.
Diese Idee einer Partnerschaft auf Augenhöhe trifft auf ungleiche Ausgangsbedingungen. Peruanische Promovierende nutzen deutsche Labore und Förderprogramme. In der Amazonasregion ist die Ausstattung dagegen begrenzt. Der DAAD-Antrag soll diesen Spagat abfedern. Er sieht Weiterleitungsverträge mit den lateinamerikanischen Partnern vor. Sie sollen lokale Lehrangebote, Feldkurse und den Transfer von Forschungsergebnissen in die regionale Praxis mitfinanzieren. Im Förderzeitraum sind mindestens 20 Mobilitäten von Studierenden, Lehrenden und Nachwuchskräften geplant. Mehrere internationale Lehrmodule sollen dauerhaft in den Curricula verankert werden.
Auch deutsche Studierende profitieren von der Kooperation. In den vergangenen Jahren gab es eine Summer School in Patagonien und Tropen-Feldkurse. Dabei waren Studierende aus Niedersachsen gemeinsam mit lateinamerikanischen Kommilitoninnen und Kommilitonen in den Wäldern unterwegs. Einige Masterstudierende haben bereits Abschlussarbeiten in Argentinien oder Peru geschrieben. So soll aus der Partnerschaft mehr werden als eine einseitige Verbindung von Nord nach Süd.
In Nordperu wollen HAWK und UNTRM etwa im „Bosque de Palmeras Taulía Molinopampa“ zeigen, wie sich Forschung, lokale Gemeinschaften und Lehre verbinden lassen. Das Gebiet dient als Freilandlabor für klimaangepasste Landnutzung, Regeneration und regionale Wertschöpfung. Zugleich ist es ein Ort für gemeinsame Feldkurse. Gleichzeitig ist eine klimasensible Organisation des Projekts vorgesehen. Flugreisen sollen gebündelt und durch digitale Formate ergänzt werden.
Am Ende des Besuchstags im Innenhof der Fakultät schauen die Gäste noch einmal auf den Forstroboter, bevor sie weiterziehen. Für Walentowski und seine Kolleg*innen ist klar, dass es nicht bei einem dreitägigen Besuch bleiben soll. Die Bewilligung von TRANS-RESIL-FOREST wäre ein nächster Schritt hin zu einem dauerhaft verankerten Netzwerk.
Für Andrée Euribe Vargas ist ein Teil dieses Netzwerks schon jetzt konkret: ein Laborplatz in Göttingen – und die Aussicht, mit einem selbst entwickelten Gerät den Kakaoanbau in seiner Heimat widerstandsfähiger zu machen.
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