Erscheinungsdatum: 07.06.2006

HAWK-Professor Martin Thumm und sieben Studierende bauen im Baugeschichtlichen Seminar Modell für Roemer- und Pelizaeus-Museum

HAWK-Professor Martin Thumm und sieben Studierende bauen im Baugeschichtlichen Seminar Modell für Roemer- und Pelizaeus-Museum

Auf den ersten Blick wirkt es unspektakulär in seinem schlichten Grau. Die Rede ist von dem Modell des Ballspielplatzes von Chichén Itzá, das im Hildesheimer Roemer- und Pelizaeus-Museum im Rahmen der Sonderausstellung „Kult um den Ball“ zu sehen ist. Die Geschichte des Modells aber ist ein modernes kleines Abenteuer, das HAWK-Studierende und ihr Professor Martin Thumm mit der mittelamerikanischen Maya-Kultur und den Tücken von winzigen Modelleisenbahnfigürchen erlebt haben.


„Auf den Spuren des Fußballs“, so der Untertitel der Ausstellung, wollten die Museumsfachleute auch auf den Ballspielplatz von Chichén Itzá nicht verzichten, den die Maya 900 bis 1000 nach Christus gebaut haben. Dort erfreuten 16 Spieler eine Gruppe Priester mit einer Art zeremoniellem Ballspiel. Der Ball durfte nur mit der Hüfte – bei einigen Spielarten auch mit Oberarm, Brust und Schenkel – gespielt werden und musste durch einen steinernen Ring befördert werden, der hoch oben senkrecht an der Wand angebracht war. Die exakten Regeln sind nicht überliefert, überhaupt ist hier nur ein weiteres Modell in Mexiko von diesem Ballplatz bekannt, kleiner und nicht so detailliert; und das nach Hildesheim zu schaffen, wäre nur sehr schwer – wenn überhaupt – möglich gewesen.


Und die Museumschefin, Dr. Katja Lembke, fand eine andere Möglichkeit. Sie lernte nämlich Martin Thumm kennen, Architektur-Professor an der HAWK in Hildesheim und anerkannter Experte für Baugeschichte und Denkmalpflege. Natürlich ist zudem gemeinhin bekannt, dass Architekten auch im Modellbau zu Hause sind. Lembke schilderte die Lage, Thumm schlug ein und ging im Rahmen des Baugeschichtlichen Seminars mit sieben Studierenden an die Arbeit. „Für uns war das Projekt absolutes Neuland“, sagt Thumm. Denn so stimmig wie das fertige Modell im Maßstab 1 : 100 heute im Museum erscheint, so aufwändig war seine Herstellung.


Zwar besitzt die HAWK eine der modernsten Modellbau- und Holzbearbeitungswerkstätten unter deutschen Hochschulen, was schon eine erstklassige Voraussetzung war. Aber vor der eigentlichen Bauphase stand die Recherche über das tatsächliche Aussehen des Ballspielplatzes und die gestaltete sich durchaus schwierig. Die Studierenden wälzten Bücher, fragten bei Museen an, suchten im Internet, interviewten Mexiko-Reisende und fahndeten nach Hinweisen in anderen Zusammenhängen, um ein möglichst genaues Bild des Bauwerks zu bekommen. Für sie sei dies der Einstieg in die Kulturgeschichte der Maya gewesen. Unterstützung und große Hilfe kam von Museums-Ethnologin Dr. Inès de Castro. Wer hat das schon im Rahmen seines Architektur-Studiums? Jan Faltz, Christopher Grabow, Jens Kowallik, Viktoria Kirchkessner, Felix Rohde, Philipp Schneider und Marc Weinkauf aus dem vierten Semester Architektur in Hildesheim jedenfalls gehören dazu.


Das Original muss über und über farbig und mit feinstem Stuck verziert gewesen sein. Dieser ist jedoch weitestgehend verloren, und ihn nachzubilden oder nachzuerfinden im Rahmen dieser Aufgabe schier unmöglich. So entschieden sich die Studierenden und ihr Dozent für eine Abstrahierung in den Oberflächen und orientierten sich an der grauen Grundfarbigkeit der angewitterterten Steinoberflächen der Anlage, die schließlich mit Hilfe von Hartmut Konietzko, Diplom-Designer und Lehrbeauftragter für 3D-Visualisierung an der HAWK, als virtuelles dreidimensionales Computermodell entstand. Norbert Linda, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Werkstattleiter im Studiengang Holzingenieurwesen, sowie die Leiterin der Modellwerkstatt bei den Architekten, Monika Förster, gaben technische Unterstützung bei der Arbeit mit den Maschinen zur Herstellung der Einzelbauteile. Es waren weit über hundert. Fast zwei Semester sind ins Land gegangen, bis das ehrgeizige Unternehmen abgeschlossen war. Stolz stand das Modell da. Doch es fehlte etwas. Die Größenverhältnisse wurden nicht so recht deutlich. Das Spielfeld maß bei den Maya immerhin etwa 155 Meter Länge und 40 beziehungsweise 65 Meter Breite. Die Relation zum Menschen war im Modell nicht sichtbar.


Das war die Stunde, oder besser gesagt, waren die vielen Stunden von Martin Thumm. Er organisierte winzige Figürchen unter anderem beim Modelleisenbahnhandel: Nackedeie für den Miniatur-FKK-Strand, Tennisspieler, Indianer, Köche, Mönche und viele andere, nahm den feinsten Pinsel, klemmte die Figürchen an ein Brett, verpasste ihnen neue Kleider und bemalte sie filigran nach Impressionen von Figuren- und Priesterdarstellungen in originalen Maya- und Aztekentempeln. Mit winzigen Stückchen Tesakrepp bastelte er die stabilen Lendenschürze der Spieler oder formte Priestergewänder.
Unwissende Beobachter mögen gedacht haben, wo gibt es denn nur diese Püppchen. Museumsbesucher wissen jetzt, nicht nur das Modell des Ballspieplatzes von Chichén Itzá in Hildesheim ist ein Unikat aus der HAWK, sondern auch die Figuren, die es zieren, gibt es nirgendwo sonst auf der Welt, und darauf darf man schon so ein bisschen stolz sein.

(v.l.n.r.) Prof. Martin Thumm, Marc Weinkauf, Jan Faltz und Jens Kowallik begutachten das Erebnis vo (v.l.n.r.) Prof. Martin Thumm, Marc Weinkauf, Jan Faltz und Jens Kowallik begutachten das Erebnis vo