ELP-Wahlpflichtmodul zur Gesundheitsversorgung geflüchteter Menschen
Das Ziel des Seminars besteht darin, Schnittstellen von Professionen im Gesundheits- und Sozialbereich zu identifizieren, um Betroffene besser zu unterstützen und gleichzeitig Überforderung bei den Behandelnden zu vermeiden. Den Physiotherapeuten Alexander Schulz gewann die wichtige Erkenntnis, diese erhöhten Anforderungen zu identifizieren und aus einem Gefühl der Hilflosigkeit heraus Handlungsoptionen zu entwickeln. So kann er jetzt körperliche Symptome eines Traumas besser deuten und entsprechende Wahrnehmungs- und Körperübungen anbieten, die die Patient*innen selbst anwenden können. „Da die Rahmenbedingungen der Menschen mit Fluchterfahrungen sehr schwierig sind, braucht es das Engagement der einzelnen Professionen, sich damit auseinanderzusetzen und zusammenzuarbeiten, um sich für die Menschen mit Fluchterfahrungen einzusetzen.“
Für Joshua Reick, der als Ergotherapeut arbeitet, ist dieses Netzwerken wichtig für einen ganzheitlichen Blick auf Patient*innen. Sich über regionale Angebote auf dem Laufenden zu halten, sieht er als essentiell an und bezieht dabei nicht nur die 3 Gesundheitsdisziplinen, sondern auch angrenzende Bereiche wie die Soziale Arbeit ein.
Vor dem Hintergrund der Komplexität bei der Gesundheitsversorgung von Menschen mit Fluchterfahrung sei interprofessionelles Denken besonders sinnvoll, fasst auch Sandra Schiller die Intention des Seminars zusammen. Sie hat bereits im Jahr 2021 das europäische Forschungsprojekt PREP IP mitinitiiert.
Im Forschungsprojekt verfolgten die beteiligten Partnereinrichtungen, also Hochschulen und Gesundheitseinrichtungen, aus Deutschland, Irland, den Niederlanden, Norwegen, Spanien und der Türkei das Ziel, Studierende beziehungsweise Angehörige von Gesundheitsberufen darin zu unterstützen, Kompetenzen im Umgang mit Menschen mit Fluchterfahrung zu entwickeln, um deren gesundheitlichen Bedürfnissen besser gerecht zu werden.
Heute profitieren die Studierenden von den im Rahmen des Forschungsprojekts entwickelten Onlineressourcen. In den wöchentlichen Onlineselbstlerneinheiten, welche die Präsenzsitzungen ergänzen, bot das zur Verfügung gestellte fachdidaktische Material, wie zum Beispiel Videos, Podcasts, Texte und Artikel, eine Fülle von Anregungen für die eigene Praxis.
Logopädin Anna Spill hebt besonders den Austausch über verschiedene fachliche Sichtweisen hervor: „Texte und Materialien aus den anderen Disziplinen haben wichtige Denkanstöße gegeben, die das eigene Verständnis erweitern. Gerade in der Logopädie gibt es Inhalte in dieser Breite bisher kaum. Das hat den fachlichen Horizont deutlich bereichert.“ Unterschiedliche Berichte von individuellen Schicksalen sahen die Studierenden als hilfreich an, um geflüchtete Menschen nicht auf ihre Erfahrungen vor, während oder nach der Flucht zu reduzieren, sondern sie als individuelle Persönlichkeiten mit eigenen Ressourcen und Stärken wahrzunehmen.
Gleichzeitig fand eine kritische Auseinandersetzung mit den rechtlichen Rahmenbedingungen und ihren Auswirkungen auf die Versorgungssituation statt. Für Logopädin Nabila Hamijou ist in diesem Zusammehang besonders die Entwicklung neuer Lösungsansätze wichtig: „Solange der Aufenthaltsstatus ungeklärt ist, haben viele Menschen nur einen eingeschränkten Zugang zum Gesundheitssystem – obwohl sie durch Traumatisierung oft besonders vulnerabel sind. Es ist deshalb wichtig, über den rechtlichen Rahmen hinaus Möglichkeiten der Selbsthilfe zu vermitteln und die Patient*innen zu ‚empowern‘, sodass sie sich selbst wieder besser fühlen können.“
Die Ergotherapeutin Jonna Stolz unterstreicht den fortwährenden Lernprozess für eine kultursensible und traumasensible Versorgung: „Die Entwicklung von Kultursensibilität und Traumasensibilität ist ein lebenslanger Prozess. Deshalb war das Seminar nicht nur für meine berufliche Entwicklung elementar – auch menschlich habe ich viel dazugelernt.“ Für die Ergotherpeutin Kamilla Guliyeva steht fest, dass das Thema im Studium wie im späteren beruflichen Alltag weiterhin ein zentrales Feld darstellen sollte: „Es betrifft alle Menschen in den Gesundheitsberufen. Entsprechend wichtig ist es, diesen Themenbereich fest im Hochschulalltag zu verankern.“
Im Oktober hat die HAWK die Ergebnisse von PREP IP in einem Open Book veröffentlicht. Es enthält neben fachdidaktischen Materialien auch praxisorientierte Arbeitsblätter, Reflexionsanregungen und Berichte aus der internationalen Zusammenarbeit, die den Transfer in die eigene Arbeit unterstützen.