Erscheinungsdatum: 20.06.2006

Fünf Künstler komponieren Raum / Führung am 7. Juli um 11 Uhr

Fünf Künstler komponieren Raum / Führung am 7. Juli um 11 Uhr

„Pentacube“ ist der Titel einer Ausstellung in der hannoverschen Galerie Kubus, bei der die fünf Künstler Eckhard Westermeier, Petra Scherzer, Antje Smollich, Jobst Tilmann und Michael Krause mit einem Mix aus Malerei, Siebdruck, Plexiglasobjekten, DVD/Videoprojektion, Animation und Sound den Ausstellungsraum komponieren. Eckhard Westermeier ist Professor an der Fakultät Gestaltung der HAWK Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst, Fachhochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen. Er vertritt das Lehrgebiet „Rechnergestütztes Gestalten/Zeitbasierte Medien“. Jobst Tilmann ist als Lehrbeauftragter an der Fakultät tätig.

Die Ausstellung „Pentacube“ ist noch bis zum 9. Juli 2006 im Kubus Hannover, Theodor-Lessingplatz 2. Öffnungszeiten sind Dienstag bis Freitag von 11 bis 18 Uhr, Sonnabend und Sonntag von 11 bis 16 Uhr. Am Freitag, 7. Juli, führt Professor Westermeier um 11 Uhr durch die Ausstellung.

Intention

Die Künstler benutzen ihre Medien, um Inhalte zu transportieren, sich mit dem Raum auseinanderzusetzen, sie verwenden selbstentwickelte Bildsprachen jenseits von Begrifflichkeiten und Begriffen. Scheinbar entgegengesetzte Positionen ergänzen sich durch die räumliche Kommunikation, verschränken, verzahnen sich miteinander. Vom gegenständlichen figurativen Erzählen bis zur reinen Form im Raum werden die einzelnen Standpunkte nicht antithetisch aufgelistet, sondern treten miteinander in Dialog.
Ist dieses CrossOver beliebig? Nein, denn die Initiatoren der Ausstellung wählten ihre künstlerischen Mitstreiter unter dem Gesichtspunkt aus, der eigene Standpunkte erweitert, ergänzt, bzw. Kontrapunkte setzt.

Die Freiheit dieses Konzepts liegt in seiner strukturellen Strenge, da jede Arbeit bewusst in Relation zu den übrigen steht und gezielt ihren Platz im Raum einnimmt. Scheinbar Widersprüchliches wird durch seine orchestrale Anordnung zum optischen Klang. Verführungsstrategien in der Werbung zielen auf das perfekte Bild. Hier aber wird irritiert! In unserer Zeit, wo wir mit Hochglanzbildern, perfekten 3D-Simulationen usw. konfrontiert werden, begegnet der Betrachter hier frischer Bild-Anarchie. Nichts ist zu sehen vom Respekt vor Bits&Bytes, die Irritation herrscht vor. Brechungen und Überschneidungen lassen ein Wahrnehmungserlebnis zu, das dem Betrachter nicht alles Denken aus der Hand nimmt. Der Überraschungskoeffizient ist äußerst hoch für den, der sich auf PENTACUBE, auf das Vexierspiel zwischen Zeit und Beständigkeit, Flüchtigkeit und Raum einlässt.

Die Arbeiten, der Raum

Eckhard Westermeier realisiert „Dinge, die man mit geschlossenen Augen sieht”. Westermeier: „Lanzarote im Winter 1991. Statt wie geplant zu malen, döse ich am Strand in der Wintersonne. Irgendwann, ganz flüchtig, je nach Sonnenintensität
und Schattenfrequenz, sieht man dann Farben und Formen. Lichtenergie auf Nerven und Blutbahn, in den Augenliedern generiert, Bilder, bunt, bewegt, flüchtig und schön anzuschauen. Ich begann diese Formen und Farben zu notieren. Vier davon habe ich gemalt und niemals ausgestellt. Im Winter 2003 war ich wieder in Lanzarote. Und da er war er wieder, dieser Bilderschwarm. Aus dem ich mir das eine und andere Exemplar in das Skizzenbuch zog. Sinnfreie Vorlagen, aus dem Indifferenten eingefangen. Im Gegensatz zu Träumen vorerst auch deutungsfrei. Einige sind nach der Niederschrift zu Gegenständen geworden. Zu vertrauten Dingen. Manche gezeichnet, manche im Computer dreidimensional berechnet. Nach der Computergenerierung wurden sie auf Film belichtet und im Leuchtkasten vor Licht gesetzt. Nun sind sie mit geöffneten Augen zu betrachten.“

Antje Smollich lotet in ihren Acrylglasarbeiten die Grenzen des Malereibegriffs aus. Angesiedelt zwischen Bild, (Bild)-Objekt, Bildplastik und Installation verknüpft sie Themen wie Farbenergie, Transluzenz, Oberfläche mit physikalischen und chemischen Phänomenen und Stofflichkeiten; im Ringen mit Schwerkraft und Statik werden spezifische Materialeigenschaften wie Flexibilität und Fragilität visualisiert. Mittels einer von ihr entwickelten Technik entsteht eine Synthese aus abstraktem Expressionismus und Minimalismus, in der Widersprüche, Paradoxien, Kalkül, Zufall, Sinnlichkeit und Rationalität stecken.

Jobst Tilmann verwendet architektonische Strukturen als malerisches Konzept. Formal und inhaltlich sind die Malereien und die Fotografien der Werkgruppe CABANON
miteinander verknüpft und stellen Wechselbeziehungen auf unterschiedlichen Ebenen her. Mit dem Motiv/Titel verbundene übergeordnete Empfindungen der fragilen, unabgesicherten Raum-Struktur entwickeln sich in den Malereien als abstrakte orthogonale Konstrukte, gestützt durch die Energien von Farbe, Masse und Raum – mit einem vitalen Potential von Veränderung. Die digital bearbeiteten Fotografien widmen sich einer besonderen Form der Architektur unserer Kultur: minimale Behausungen, Schutz-Behausungen einfachster Form, ort- und alterslos – von fragwürdiger Stabilität, mit unklarem Sinn. Modelle existenzieller Bedürfnisse, die Fragen stellen.

Petra Scherzers Arbeiten sind seriell, entstanden aus langfristig angelegten Projekten, die aus den vorangegangenen erwachsen. In der Regierung von Oberbayern erweist sich die Raumsituation als wesentlicher Bezugspunkt, Stichwortgeber bei der Auswahl der Arbeiten. Dominante Räume, wie diese prägnante und vollkommen in sich geschlossene Architektur fordert ihre spezielle Rezeption. Deshalb tritt Scherzer für Pentacube aus ihrer Spur „weitere Vermessungen von Säugetieren“, die sie bereits in „Übergriffe“ Maxforum, München (2002) angelegt hatte und die sie in Projekten in Holland (2004), Belgien (2005) mit Malerei und in Brasilien (2003, Video, Objekte) weiter verfolgt hatte. Das Beobachten, sammeln, archivieren, systematisieren, darstellen und analysieren der „Säugetiere“ verlagert sich hier in eine Auseinandersetzung mit deren bereits vorhandener Darstellung, abstrahiert die Idee von „weitere Vermessungen“.

Das Abgebildete, bereits Abstrakte und Idealisierte wird referentiell. In expressivem Modus auf drei Tafeln 190 x 260 cm, Öl/Jute destilliert Scherzer das Motiv der bereits vorhandenen Wandarbeit im 3. Stock des Gebäudes in archetypische Zeichnung und schichthafte Stofflichkeit. Gemeinsam ist der nachkriegs entstandenen Arbeit und den Bildern Scherzers die Zeitlichkeit. In einem Panorama, bzw. übereinandergelagerten Bildebenen spielen sich zeitliche Abläufe ab. Ein bewegtes Bild in einem Tableau. Die sich dem Betrachter als zip-version idealisierter Historie entpackt. Geschichte wird erzählt und auf diese Weise dem Orte, seiner Funktion Tribut gezollt.

Wie in einem Orchester der Bass, so greift hier Michael Krause in die „tiefen Töne”. Mit einer auf den Ausstellungsraum konzipierten Arbeit kommentiert er das Geschehen, die Situation im Raum, setzt zugleich Kontrapunkt und Klammer.

Der Raum spielt – als der so genannte „sechste Mann” – dadurch, dass er teils in Dunkelheit getaucht, teils streng gegliedert, dann wieder aufgebrochen wird, eine wichtige Rolle. Last not least der Betrachter: Schließlich ist er es, der die Bezüglichkeiten der Exponate sinnlich wahrnimmt und so seine eigene Geschichte aus Bewegung, Stillstand, Form und Licht generiert.

Leuchtkasten \\"Spiralglas\\" (3D-Grafik), Eckhard Westermeier 2005 Leuchtkasten \\"Spiralglas\\" (3D-Grafik), Eckhard Westermeier 2005