Feierlicher Roll-Out am Gesundheitscampus Göttingen
Der neue E_HAWK26 steht im Mittelpunkt des Roll-Outs von Blue Flash, dem Formula-Student-Team der HAWK, das Jahr für Jahr elektrische Rennfahrzeuge entwickelt und bei europäischen Wettbewerben an den Start bringt. Das Projekt verbindet seit 11 Jahren Lehrinhalte mit praktischer Konstruktion und verschafft den Beteiligten frühe Einblicke in technische Abläufe, Teamorganisation und die Anforderungen der Arbeitswelt. Nun ist es fertig: Feierlich wird es in der Sheddachhalle des Gesundheitscampus Göttingen der Öffentlichkeit präsentiert.
Mittlerweile umfasst Blue Flash zehn Fahrzeuge, die in dieser Zeit entstanden sind, und es hat sich damit nicht nur zu einem festen Bestandteil der praxisorientierten Ausbildung an der Hochschule entwickelt, sondern auch zu einem Aushängeschild. Dabei ist jedes Fahrzeug wie auch das Team jedes Jahr einzigartig: Neue Studierende kommen hinzu, etliche verlassen die Hochschule mit ihrem Abschluss.
Wie stark Blue Flash für die Außendarstellung der Hochschule und für die Studierenden selbst wirkt, betont Prof. Katja Scholz-Bürig, HAWK-Vizepräsidentin für Studium und Lehre: „Blue Flash ist eines unserer wichtigsten Projekte. Es hat eine enorme Außenwirkung und macht Hochschule und Studium im besten Sinne ‚anfassbar‘“. Zugleich verweist sie auf eine weitere Besonderheit des Teams: „Dieses Projekt umfasst 45 Personen – eine Größe, die viele Unternehmen so gar nicht realisieren würden. Es war nicht einfach, aber es ist gelungen – und darauf sind wir sehr stolz.“
Der E_HAWK26 knüpft technisch an seine Vorgänger an, markiert aber eine weitere Entwicklungsstufe: Das Fahrzeug verfügt über eine Leistung von 80 kW, erreicht eine Höchstgeschwindigkeit von 115 km/h und ist auf eine Renndistanz von 26 Kilometern ausgelegt. Angetrieben wird der Wagen von einem Elektromotor an der Hinterachse, verbaut in einem rund 200 Kilogramm schweren Fahrzeug mit Stahlrohr Rahmen. Dieses Jahr wurde das Aerodynamik-Paket weiterentwickelt, der Heckflügel ist nun geschwungen, und die Spannung im Akkumulator wurde auf 600 Volt erhöht, um die elektrische Leistung effizienter zu nutzen.
Zudem ist der E_HAWK26 verbessert auf den fahrerlosen Betrieb vorbereitet. Für die driverless-Kategorie hat das Team einen LiDAR-Sensor zusätzlich zur Kamera installiert, der die Position der Streckenhütchen präziser erfassen soll. Das System ergänzt die bisherige Umgebungserkennung und schaffe es jetzt besser, dass das Fahrzeug selbstständig durch den Parcours zu manövrieren. Im vergangenen Jahr startete Blue Flash erstmals in dieser Wertung, was durch Entwicklungen der vorangegangenen Saisons möglich wurde.
„Wir hoffen, dass wir mit dem neuen System alle Disziplinen im autonomen Fahren absolvieren und damit viele Punkte in der Weltrangliste sammeln können. Gleichzeitig erwarten wir durch den neuen Akku mehr Verlässlichkeit und deutlich mehr Testzeit“, so der technische Leiter Tobias Weyh. Rückblickend beschreibt er die vergangenen Tage als äußerst fordernd: „Im Moment überwiegt bei mir vor allem eines: Erleichterung. Jetzt mit dem fertigen Auto hinter mir wird mir erst richtig bewusst, wie viel Zeit und Energie wir in den letzten Tagen und Wochen in dieses Projekt gesteckt haben.“
Auch Teamleiter Tilman Völkering blickt mit sichtbarer Zufriedenheit auf das Ergebnis der intensiven Entwicklungsphase. „In dieses Auto ist unglaublich viel Zeit geflossen. Umso stolzer bin ich, dass es jetzt fertig vor uns steht“, sagt er. Besonders hervorgehoben wird auch das Erscheinungsbild des Fahrzeugs: „Die Folierung ist, wie ich finde, sehr gelungen – das Auto sieht einfach gut aus. Jetzt überwiegt die Vorfreude darauf, zu sehen, wie es auf der Strecke performt.“
Welchen Weg das Team, das größtenteils an der Fakultät für Ingenieurwissenschaften und Gesundheit studiert, in den vergangenen Monaten gehen musste, beschreibt Faculty Advisor Prof. Dr. Salvatore Sternkopf. Für ihn ist das Roll-Out weit mehr als eine technische Präsentation: „Heute ist ein besonderer Tag: Ein Roll-Out ist nie nur die Präsentation eines Projekts. Er steht für Haltung, Durchhaltevermögen und den gemeinsamen Glauben daran, dass aus einer Idee etwas Reales werden kann.“ Er erinnert zugleich daran, dass sich das Team am Anfang neu finden und formen musste: „Und dennoch habt ihr es geschafft, nicht nur weiterzumachen, sondern ein Projekt zu realisieren, das heute sichtbar wird. Darauf könnt ihr mit Recht stolz sein.“
Welche Bedeutung Blue Flash aus Sicht der Wirtschaft hat, formuliert Sebastian Vreemann, Keynote Speaker und Vertreter des Sponsors Kappa. „Wenn wir Mitarbeitende kennenlernen, die zuvor im Blue Flash Team aktiv waren, fällt eines sofort auf: Ihr Engagement geht deutlich über das hinaus, was man üblicherweise von Studierenden erwartet“, sagt er. Aus Unternehmensperspektive sei das Projekt mehr als klassische Nachwuchsförderung: „In der Projektarbeit erwerbt ihr eine Vielzahl an Fähigkeiten, die ihr im Berufsleben dringend braucht. Aus Unternehmenssicht ist das Sponsoring deshalb im besten Sinne eine vorgezogene Weiterbildungsmaßnahme: Wir gewinnen Mitarbeitende, die hervorragend auf die Arbeit in unseren Betrieben vorbereitet sind.“
Am Beispiel des E_HAWK26 zeigt sich, wie Studierende in einem großen, eigenverantwortlich organisierten Team Kompetenzen erwerben, die weit über den Hörsaal hinausreichen – und auf den Rennstrecken in Europa ganz unmittelbar sichtbar werden. Auf dem Fahrplan der Konstruktionswettbewerbe stehen in Deutschland Formula Future sowie Formula Student Germany. Oder, wie es Vreemann formuliert: „Ich wünsche euch eine erfolgreiche Saison und freue mich darauf, hoffentlich auch im nächsten Jahr wieder beim Roll-Out dabei zu sein. Bis dahin wünsche ich euch eine spannende, ereignisreiche – und gern auch anstrengende – Zeit mit Blue Flash.“
[Nachtrag: Die Formula Student East in Ungarn, für die das Team sich ebenfalls qualifiziert hatte, wurde vom Veranstalter abgesagt]