Neue Ideen für 60er-Jahre-Kirche: Kitas, Jugendkirche und Erinnerungsort
Zu Beginn des Abends spannt Pastorin Steffi Deichmann mit einem Bibelvers den Rahmen: Es soll um das Beste für Kinder, Eltern und die Jugendlichen der Jugendkirche „marie“ gehen, die in St. Marien ein Zuhause gefunden haben. Deichmann macht deutlich, dass es an diesem Abend nicht um Beschlüsse, sondern um einen offenen Austausch geht.
Das Interesse ist groß: Über 80 Besucher*innen sind in die Kirche St. Marien gekommen. Der moderne, aber gealterte Kirchenbau steht im Zentrum der Überlegungen der HAWK-Studierenden, aus Hildesheim, deren Entwürfe die Wände des Kirchenschiffs schmücken. Die Kirche werde kaum genutzt, da es in der weitflächigen Gemeinde weitere Gotteshäuser gebe, so heißt es aus dem Kirchenkreis.
Architektur-Professorin Dr. Birgit Franz schildert die anspruchsvolle, aber eben praxisnahe Aufgabe: Stadt und Kirche wollen auf dem Gelände zwei fünfzügige Kindergärten inklusive jeweils einer Krippengruppe auf dem Gelände von Kirche, ehemaligem Pfarrhaus und Außenflächen unterbringen – und prüfen, ob dafür überhaupt genügend Raum vorhanden ist. Dazu soll auch die Jugendkirche Platz finden.
Zusammen mit dem Lehrbeauftragten Sebastian Rommel hat sie ein Semester lang die Studierenden bei ihren Recherchen, Befragungen und Entwürfen betreut. Die Studierenden analysierten Baulasten, Hochwasserschutz, pädagogische Anforderungen und Best-Practice-Beispiele – und entwickelten darauf aufbauend ganz eigene Konzepte von der „Kita Morgensonne“ bis zum „Kindergartendorf“.
Zusammen mit dem Lehrbeauftragten Sebastian Rommel hat sie ein Semester lang die Studierenden bei ihren Recherchen, Befragungen und Entwürfen betreut. Die Studierenden analysierten Baulasten, Hochwasserschutz, pädagogische Anforderungen und Best-Practice-Beispiele – und entwickelten darauf aufbauend ganz eigene Konzepte von der „Kita Morgensonne“ bis zum „Kindergartendorf“.
Zentrales Thema vieler Entwürfe ist die Frage, wie der Kirchraum künftig genutzt werden kann, ohne seine besondere Prägung völlig zu verlieren. Im Projekt „Kirche im Wandel – wenn aus Sakralraum Spielraum wird“ beschreibt Architekturstudentin Katharina Mehring einen Ort, „an dem gemeinsames Spielen zum Lernen wird, erste Freundschaften entstehen und individuelles Wachsen der Kinder möglich ist“. Ihr Vorschlag teilt die Kirche diagonal, mit Ebenen, Rutschen und Kletterbereichen als Spiel- und Veranstaltungsraum. Tagsüber spielen hier die Kitakinder. Außerhalb der Betreuungszeiten nutzen Quartier, Jugendkirche oder Kinderveranstaltungen den Raum.
Etliche der Jugendlichen und jungen Erwachsenen der Jugendkirche verfolgen gespannt die Präsentationen der Studierenden. Denn mehrfach wird die Jugendkirche „marie“ in den Konzeptionen mitgedacht – mal mit eigenen Räumen im Obergeschoss, mal mit einem zusätzlichen Quartierszentrum, das neben Kita-Nutzung auch für Veranstaltungen geöffnet werden kann. Dem entspricht auch das Anliegen von Architekturstudent Jürgen Weiß: Er verstehe nicht, „wo man zweimal das Gleiche an einem Ort machen kann, komplett getrennt“ vorgehe, und denkt konsequent in gemeinsamen Nutzungen von Kirche, Kita und Jugendkirche.
Aus Sicht von Architekturstudentin Sonja Niepel sei es wichtig gewesen, viel Freiraum zu schaffen und auch „viele Spielmöglichkeiten, natürlich auch viel Grün, dass nicht zu viel versiegelt wird – ein Ort, an dem ich gerne sein möchte“ – so beschreibt sie ihre Ideenfindungsphase, in der sie sich oft in die Kinderrolle zurückversetzte und -fühlte.
Andere Projekte, wie das von Architekturstudent Mohammed Hamad, betonen St. Marien als identitätsstiftenden Mittelpunkt im Quartier. Sein Entwurf sieht die Kirche als „Ankerpunkt des gesamten Raumgefüges“.
Die Anwesenden verfolgten die Ausführungen aufmerksam. Es gibt auch kritische Nachfragen, aber viel positives Echo.
Superintendentin Stephanie von Lingen hob hervor, dass hier Transformation von Kirche konkret erlebbar werde. Die Machbarkeitsstudie inspiriere, die Rolle der Gebäude in Zukunft zu bedenken. Sie lobte die Entwürfe der Studierenden: „Der Kirchraum hat mit allen verschiedenen Entwürfen immer noch toll ausgesehen. “
Gerade für die Jugendlichen, die die Jugendkirche aufgebaut haben und sich mit ihr identifizieren, ist die Frage nach der künftigen Nutzung ein wichtiges Thema: „Ich war generell erst mal verblüfft, dass hier heute so ausgefeilte, ausgereifte Entwürfe vorgestellt wurden“, meint etwa Lukas Oppermann, Teamer bei der Jugendkirche: „Bei manchen wurden wir auch berücksichtigt, was wieder cool zu sehen ist.“ Marie Kröger aus der Gruppe fand es sehr beeindruckend zu sehen, „wie viele verschiedene Ideen alleine in diesen Entwürfen umgesetzt wurden und wie man an diese Sache herangegangen ist, auf unterschiedlichen Wegen.“
Einbecks Bürgermeisterin Dr. Sabine Michalek würdigt die gemeinsame Suche von Kirchengemeinde, Kirchenkreis, Kita-Träger, Hochschule und Stadt nach einer tragfähigen Lösung. Es sei wichtig, Themen „aus unterschiedlichen Lebenswinkeln“ zu betrachten und allen, die sich betroffen fühlten, die Möglichkeit zu geben, einen Beitrag zu leisten. „Ich glaube, dass wir aus den Entwürfen ganz viele Anregungen ziehen können, um dieses Quartier hier weiterzuentwickeln“, so Michalek.
Birgit Franz dankt am Ende den Studierenden für ihre intensive Arbeit und den Akteuren vor Ort für die Offenheit. Aus dem „Füllhorn der Ideen“ könnten nun im Fortgang Aspekte aufgenommen werden, die die weiteren Debatten „intensiver und beflügelter“ machten: „Ich bin immer wieder begeistert über das große Interesse, das gegenüber studentischen Arbeiten aus der Bevölkerung uns entgegenkommt.“ Und auch von dem, was die Studierenden in diesen wenigen Monaten geschaffen haben. Dieser Meinung schließt sich auch Lehrbeauftragter Sebastian Rommel an.
Der Findungsprozess ist noch nicht abgeschlossen. Ein Ausschuss aus Vertretern von Jugendkirche, Kirchenkreisjugenddienst, Kirchengemeinde und Kita-Trägern berät ab April weiter. Die Entwürfe der Studierenden sind weiterhin im Kirchenschiff von St. Marien ausgestellt und sollen über kurz oder lang über einen Link der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.
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