Forschende nähern sich Herstellungstechnik der Engelschorschrank in St. Michael
Deshalb hatte Dr. Angela Weyer, Leiterin des Hornemann Institutes der HAWK, sie eingeladen, mit einer Gruppe aus Wissenschaftler*innen auf ein gut begehbares Gerüst zu steigen, um den lebensgroßen Stuckreliefs von Ordensgründer Benedikt, den Aposteln Petrus, Paulus, Jakobus und Johannes, sowie der heiligen Maria mit dem Jesuskind und Klosterstifter Bernward mit dem Modell der Michaeliskirche einmal Auge in Auge gegenüber stehen zu können. „Die Augen verraten viel über den Entstehungszeitraum“, verrät Prof. Dipl.-Rest. Roland Lenz von der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart beim Forschungstag vor der interdisziplinären Fachtagung „Dem Welterbe so nahe: Neue Forschungen zum mittelalterlichen Stuckdekor von St. Michael in Hildesheim“ an der HAWK. Von den Chorschranken der Westvierung steht nur noch die nördliche, dem Klostergang zugewandte Seite, dank ihrer Einmauerung während des Zweiten Weltkrieges. Die Datierung des in enger Verwandtschaft zu den Schranken der Liebfrauenkirche in Halberstadt stehenden Werkes, ist nicht eindeutig und datiert für die Wissenschaftler*innen des Projektes zwischen 1190 und 1200.
Doch wie ist die Engelschorschranke entstanden, wie war die Herstellungstechnik? - eine Frage, die an diesem Tag auch die Kunsthistoriker Prof. Dr. Matthias Untermann und Dr. Gerhard Lutz sowie die Restauratoren Johannes Mädebach, Thomas Schmidt und Restauratorin Silja Walz umtreibt. „Wir haben jetzt die Erkenntnis gewonnen, dass es im oberen Bereich zuerst einen kleinen monolithischen Block, wie eine Art Mäuerchen, gab, aus dem die Handwerker die kleinen Arkaden rausschnitten und dann nachher weitere Massen auftrugen, um weitere Ornamente zu gestalten. Das ist ein wirkliches Novum“, fasst Roland Lenz das Hauptergebnis zusammen.
„Wir waren diesen Handwerkern des Mittelalters noch nie so nah. Das Gerüst gab uns die Möglichkeit, von einem kleinen Engelchen zum nächsten Engelchen zu gehen oder von einem Drachen zum nächsten, der dann doch wieder ganz anders aussieht. Das Werk zeigt in seiner Schönheit, welche Freude die Steinbildhauer und gegebenenfalls Stuckateure dabei hatten, nicht stereotyp und seriell zu arbeiten, sondern zeigt eine sehr individuelle Ausprägung“, ergänzt Projektleitung Dr. Angela Weyer. „Das wollten wir teilen“, spricht sie über die zweistündige Öffnung des Gerüstes für die Öffentlichkeit, die rund 100 Menschen in die Michaeliskirche lockte, und die Fachtagung [Link hier] vor 100 Interessierten zum neuesten Forschungsstand zum Stuckdekor der Welterbekirche mit Ortsbegehung.
„Der Funke auf jüngere Forschungsgenerationen springt am besten direkt an den faszinierenden Objekten über.“ Deshalb erfolgte nach den Fachvorträgen des Vormittages ein „Markt der Möglichkeiten“ direkt in der Michaeliskirche, der die Gelegenheit bot, sich begleitet durch restauratorische Führungen die Stuckaturen und mehrere Fragmente unter dem Mikroskop anzuschauen. Gleichzeitig erläuterten Expert*innen weitere Ergebnisse des Projekts, zum Beispiel durch die Anwendung der Röntgenfluoreszenzanalyse, und stellten die umfassende 3D–Dokumentation vor.
„Leider sind nur noch wenige Prozent des einstigen, sehr reichen Ausstattungsprogrammes der Kirche erhalten“, sagt Prof. Dr. Matthias Untermann von der Universität Heidelberg. Nach der Heiligsprechung von Bischof Bernward, der in der Krypta begraben liegt, im Jahr 1194, sei die Kirche den neuen ästhetischen Ansprüchen an einen Pilgerort angepasst worden. Davon zeugen auch die rund 250 vorliegenden, mittelalterlichen Stuck-Fragmente. „Diese stammen aus den Fundjahren zwischen 1870 bis 2006 und sind zum größten Teil von der Chorschrankenanlage, von den Figuren der sogenannten Seligpreisungen und den Laibungen der Arkadenbögen im südlichen Seitenschiff von 1160/70.“
Die Universität Heidelberg erstellte von allen Fragmenten und des in situ Stucks Digitalisate. Im Sommer gibt das Hornemann Institut der HAWK einen umfangreichen Forschungsband mit den neuesten Erkenntnissen zu St. Michael und dem Stuckdekor heraus.
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