Gekommen, um zu helfen: Ingenieur-Studierende organisieren Helfer*innenfahrt

Erscheinungsdatum: 15.02.2022

In nur kurzer Arbeitszeit im Haus des älteren Ehepaars hatten sie die Wärmedämmung schon wesentlich verbessert. Die Kommilitonen von Lara Geisler berichteten ihr hinterher, die beiden Ahrtalbewohner seien über die freiwillige, handwerkliche Hilfe mehr als dankbar gewesen -  und hätten die jungen Leute am liebsten gleich adoptiert. „Nach diesen zwei Tagen waren die Menschen einfach schon so herzlich miteinander verbunden“, so Lara, die im dritten Semester Holzingenieurwesen an der HAWK studiert. „Das ist einfach total schön, niedlich und irgendwie mega ergreifend.“

Dabei hatten die HAWK-Studierenden nur rund vier Arbeitstage im Ahrtal verbracht – doch trotz dieser kurzen Zeit erreichten sie sehr viel, weiß Niklas Krüger, der 5. Semester ebenfalls Holzingenieurwesen studiert und mit ihr im Fachschaftsrat sitzt. Zusammen mit rund 50 anderen Studierenden hatten sie die Helfer*innenfahrt organisiert. Fast alle der Studierenden haben eine abgeschlossene, handwerkliche Berufsausbildung. Und das führte auch zu der Idee, freiwillige Hilfe in den zerstörten Ortschaften rund um das Ahrtal anzubieten. Darauf seien sie von einem Kommilitonen gebracht worden, erzählt Niklas Krüger, dieser hatte bereits helfende Bekannte im Ahrtal und trug den Gedanken an die Fakultät für Bauen und Erhalten an der HAWK.

Die Gruppe war vielfältig aufgestellt: Viele von ihnen sind Tischler*innen, aber auch Maurer, ein Straßenbahnelektriker, Straßenbauer, ein Soldat und auch ein Rettungssanitäter waren dabei: „Es war sehr bunt gemischt“, so Lara. Spontan und schnell ging es dann am Anfang dennoch nicht: Viele Fragen wie Fahrer*innen, Logistik und Dauer sowie Zeitpunkt des Einsatzes mussten vorab geklärt werden, erzählt Niklas Krüger: „Die Finanzierung war auch ein spannender Punkt, denn den Helfenden sollten keine weiteren Kosten entstehen.“ Und so habe die Fakultät einen finanziellen Zuschuss beigesteuert, denn auch ehrenamtliche Arbeit kostet Geld.

Als sie im Ahrtal ankamen, wirkte einiges auf den ersten Blick improvisiert, vieles war aber bereits gut eingespielt:  An einem Sammelpunkt organisierte das „Helfershuttle“ jeden Morgen die Einteilung der Arbeitskräfte – und sorgte für den Transport zwischen den Einsatzstellen in den betroffenen Orten und der Unterkunft der Helfenden. Nach kurzer Zeit der Orientierung suchten sich die Studierenden ihre eigenen Aufgaben, packten überall an, wo Hilfe benötigt wurde.

Im Ahrtal selber waren die größeren Straßen zwar schon einigermaßen freigeräumt, aber in den Nebenstraßen noch viel Chaos und Zerstörung vorhanden – der Aufbau habe noch nicht richtig begonnen. „Das Ahrtal wurde auf eine Länge von über 70 Kilometer getroffen, über 9000 Gebäude zerstört“, sagt Niklas. Bei so viel Zerstörung brauche man auch sehr viel Zeit für den Aufbau.
An den hellen Häuserwänden habe man gut die Höhe der Flut sehen können, sagt Lara: „Wenn man neben diesem kleinen Fluss steht, kann man sich schon fast gar nicht vorstellen, wie der überhaupt auf diese über drei Meter Höhe ansteigen konnte und was das für eine Gewalt gewesen sein musste.“ Viele Brücken sind zerstört, im Flussbett konnte sie zerknüllte Brückenträger aus Stahl entdecken.

Sie selber habe wie viele andere in ihrem Gewerk nicht direkt arbeiten können, erzählt Lara. Bei einem Projekt habe sie aber sehen können, wie rund 20 Helfende mit dem Studierenden, der Straßenbauerfahrung hatte, in wenigen Tagen ein ganzes Haus von außen verputzt hatten: „Die haben da richtig viel gerissen und es ist dabei eine richtig gute Teamgemeinschaft entstanden“.
 
Ihre Unterkunft war auf einem Sportplatz improvisiert, dort war ein großes Zeltlager entstanden mit Schlafzelten, Sanitäts- und Mensazelt. In letzterem haben sie auch abends zusammengesessen und sich über ihre Erlebnisse ausgetauscht. Lara selber hat bei einer Dame im Camp etwas ausgebaut. Eine Ahrtalerin, die für die Helfer*innen auf dem Zeltgelände Waffeln backte: „Wir haben ihr im Endeffekt einfach eine Sitzecke dort eingerichtet, so dass es in ihrem Waffel-Zelt gemütlicher ist. Und sie war einfach so unfassbar glücklich“, erinnert sich Lara. Und auch bei den Arbeiten an einer Werkstatt habe sie mitgeholfen, diese winterfest zu machen. Und dazu noch eine weitere Halle errichtet.

Sowohl Lara als auch Niklas hoffen auf eine nächste Tour, die bereits in Planung ist. Jedenfalls haben alle die Fahrt als großen, persönlichen Zugewinn und teambildende Maßnahme verbucht – gerade in einer schwierigen Zeit, wo auch viele Exkursionen nicht mehr stattfinden können.
Dass sie oft fachfremd ausgeholfen habe, stört sie im Nachhinein nicht – eher im Gegenteil, man bekäme ganz neue Einblicke, so Lara: „Es gibt Leute, die verputzen gelernt haben, ich habe mal in die Zimmerer-Arbeit reingeschnuppert. Wir sind an der Fakultät ‚Bauen und Erhalten‘, und genau das macht man dort.“  

Dem kann Niklas nur zustimmen, denn das seien genau die Themen, mit denen sie sich im Studium beschäftigen: Wie kann man aufbauen, wie erhalten, wie ökologisch bauen und wie sanieren? Und weiter: „Ich glaube, dass eine Hochschule noch mehr ist als nur ein Ort, an dem man sich fachlich unterhält, sondern sich auch über andere Themen und Projekte austauschen und einander begegnen kann.“