Als ehemalige Studentin der Kindheitspädagogik in Hildesheim und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Kindheitspädagogik an der HAWK Hildesheim, vereint sie Praxis und Wissenschaft.
Diese Praxiserfahrungen haben mir verdeutlicht, wie bedeutsam Heterogenität in pädagogischen Teams für gelingende Zusammenarbeit ist und wie sehr auch das Scheitern ein zentraler Bestandteil professioneller Entwicklung sein kann.
Beruflicher Werdegang
Was machen Sie heute?
Zurzeit bin ich als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Bereich Kindheitspädagogik an der HAWK Hildesheim tätig. Im Rahmen eines interdisziplinären Projekts arbeite ich dabei mit verschiedenen Praxisakteur*innen zusammen – darunter Studierende, Kinder und Institutionen. Diese Tätigkeit ermöglicht es mir, meine bisherigen Erfahrungen aus Praxis und Studium miteinander zu verbinden und weiterzuentwickeln.
Daneben bin ich als Trainerin bei der Stiftung Kinder forschen tätig und führe praxisnahe Fortbildungen in den Bereichen Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften, Technik sowie Bildung für nachhaltige Entwicklung für pädagogische Fachkräfte in Kitas, Horten und Grundschulen durch. Dabei ist es mir besonders wichtig, aufzuzeigen, wie Kinder im Alltag beim Forschen und Entdecken begleitet werden können – indem sie eigene Fragen entwickeln, experimentieren und selbstständig Lösungen finden.
Perspektivisch möchte ich sowohl wissenschaftlich tätig sein als auch praxisorientiert arbeiten, um zur Professionalisierung frühpädagogischer Fachkräfte beizutragen.
Wie lief Ihr Start ins Berufsleben?
Mein Start verlief leider genau so, wie es oft in Studien beschrieben wird: Ich ging als Kindheitspädagogin hochmotiviert in die Kita-Praxis, doch der sogenannte Praxisschock ließ nicht lange auf sich warten. Zwar wurde ich von meinen Kolleg*innen freundlich aufgenommen, jedoch gestaltete sich die Zusammenarbeit äußerst herausfordernd.
Schließlich verließ ich die Kita mit dem Gefühl einer Niederlage und begann, meine Praxiserfahrungen theoriegeleitet im Rahmen meiner Master-Thesis zu reflektieren.
Anschließend kehrte ich erneut in die Kita-Praxis zurück – diesmal bewusst in ein heterogen zusammengesetztes Team. Und tatsächlich bestätigte sich die Theorie erneut, allerdings im positiven Sinne: Die Zusammenarbeit funktionierte deutlich besser, und ich konnte mich fachlich und persönlich einbringen.
Nach der positiven Erfahrung im Handlungsfeld der Kita hatte ich für mich das Gefühl, eine wichtige persönliche Mission abgeschlossen zu haben. Diese Praxiserfahrungen haben mir verdeutlicht, wie bedeutsam Heterogenität in pädagogischen Teams für gelingende Zusammenarbeit ist und wie sehr auch das Scheitern ein zentraler Bestandteil professioneller Entwicklung sein kann. Zugleich wurde deutlich, wie sehr Reflexion und Theorie helfen können, berufliche Herausforderungen konstruktiv zu bewältigen und daraus nachhaltige Lern- und Entwicklungsprozesse zu gestalten.
Rückblickend auf Ihr Studium
Warum haben Sie sich für das Studium an der HAWK entschieden?
Um diese Frage zu beantworten, muss ich ein wenig ausholen: Ich habe mein Abitur nicht bestanden, vor allem, weil mir das Fach Mathematik schwerfiel. Mir war schnell klar, dass ich keine Mathematikerin werden möchte – zugleich hatte ich das Gefühl, im bestehenden Bildungssystem nicht meinen Platz zu finden. Ich fühlte mich wie ein Fisch, der die Aufgabe bekam, einen Berg zu erklimmen. Statt gegen meine eigene Natur anzukämpfen, wurde mir in dieser Zeit zunehmend bewusst, dass nicht meine Fähigkeiten grundsätzlich das Problem waren, sondern vielmehr die Passung zwischen meinen Stärken und den Anforderungen des klassischen Bildungssystems.
Anstatt weiter zu versuchen, mich an ein System anzupassen, das wenig Raum für meine Kompetenzen ließ, entschied ich mich bewusst für einen anderen Weg: Ich setzte meine schulische Laufbahn mit der Fachhochschulreife fort und absolvierte ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Kita. In dieser Zeit sammelte ich viele praktische Erfahrungen. Gleichzeitig merkte ich, dass mir oft die theoretische Grundlage fehlte – es fühlte sich ein wenig an wie Autofahren ohne Führerschein.Deshalb war es mir wichtig, einen Weg zu finden, Kindheitspädagogik zu studieren – auch ohne den klassischen Bildungsweg über das Abitur. Ich setzte mich intensiv mit Alternativen auseinander und suchte nach Möglichkeiten, meinen eigenen Bildungsweg zu gestalten.
Fündig wurde ich schließlich an der HAWK in Hildesheim. Besonders überzeugt hat mich der praxisnahe Ansatz der Fachhochschule: die enge Verzahnung von Theorie und Praxis sowie die überschaubaren Seminargrößen. Als ich dann auch noch zeitnah eine Zusage erhielt, war für mich klar: Ich werde Kindheitspädagogik an der HAWK studieren. Die HAWK Hildesheim hat mir ermöglicht, meinen eigenen Bildungsweg jenseits klassischer Bildungsbiografien zu gehen – und mir einen Ort geboten, an dem ich mich wie ein Fisch im treibenden Fluss bewegen konnte: mit der Strömung, in meinem Element, in einem praxisnahen Studium, das meine Stärken zur Geltung brachte.
In welchem Moment haben Sie sich an der HAWK „richtig angekommen“ gefühlt?
Ein Moment, in dem ich mich an der HAWK „richtig angekommen“ gefühlt habe, war am Ende des ersten Semesters – als ich mich aktiv im Studierendenalltag einlebte, meine Kommiliton*innengruppe sich gefestigt hatte, die ersten Prüfungen bestanden waren und ich meine erste Nebentätigkeit als studentische Hilfskraft an der HAWK Hildesheim begonnen habe.
In dieser Phase ist vieles zusammengekommen: fachlich erste Erfolge, ein wachsendes soziales Netzwerk und die praktische Einbindung in den Hochschulalltag. Dadurch habe ich gespürt, dass ich nicht nur studiere, sondern mich auch aktiv als Teil der HAWK erlebe.
Was war Ihr größtes Highlight im Studium?
Mein größtes Highlight war die Lernwerkstattarbeit im ästhetischen Labor sowie die Lehrdidaktik von Herrn Prof. Stefan Brée, durch die ich erst richtig verstanden habe, welches Bild vom Kind es braucht, um pädagogisch handlungsfähig zu sein. Besonders eindrücklich war für mich, wie sehr die eigene Haltung und Perspektive auf Kinder das pädagogische Handeln beeinflusst.
Zugleich haben seine Lehrveranstaltungen in mir auch die Entwicklung eines forschenden Habitus angestoßen. Ich habe begonnen, pädagogische Situationen bewusster wahrzunehmen, Fragen zu stellen, nicht nach dem „Warum“ zu fragen, sondern nach dem „Wie“, um Zusammenhänge und Prozesse zu erschließen. Diese praxisorientierten und zugleich bildungstheoretisch fundierten Lehrveranstaltungen haben mir geholfen, viele zuvor abstrakte Begriffe durch eigenes Erproben und Erfahren greifbar zu machen und mit Leben zu füllen.
Gleichzeitig konnte ich dadurch meine Wahrnehmung und Begleitung von Kindern kritisch reflektieren. So habe ich einen neuen Zugang zu meinem späteren beruflichen Selbstverständnis entwickelt, der mich nachhaltig geprägt hat.
Ihre persönliche Einschätzung: Welche Kompetenzen aus dem Studium sind besonders wichtig?
Aus meiner Sicht gehören Reflexionsfähigkeit, ein forschender Habitus sowie Selbstorganisationskompetenz zu den drei wichtigsten Kompetenzen, die ich im Studium entwickelt habe.
Reflexion bedeutet für mich, das eigene Handeln immer wieder kritisch zu hinterfragen und die eigene Haltung bewusst wahrzunehmen. Gerade in der pädagogischen Arbeit ist es entscheidend, sich darüber klar zu sein, wie die eigene Perspektive das Handeln beeinflusst.
Der forschende Habitus verbindet für mich beides – die Bereitschaft, neugierig zu bleiben, Fragen zu stellen und pädagogische Situationen nicht einfach hinzunehmen, sondern sie tiefer zu verstehen. Es geht darum, Zusammenhänge zu erkennen, Dinge zu hinterfragen und sich kontinuierlich weiterzuentwickeln.
Eine weitere zentrale Kompetenz ist für mich der Theorie-Praxis-Transfer: die Fähigkeit, theoretisches Wissen in die Praxis zu übertragen und gleichzeitig Praxiserfahrungen zu reflektieren und theoretisch einzuordnen.
Darüber hinaus habe ich im Studium wichtige überfachliche Kompetenzen entwickelt. Dazu gehören Selbstorganisation und Zeitmanagement, die Fähigkeit, sich selbst zu strukturieren, Prioritäten zu setzen und Verantwortung für den eigenen Lernprozess zu übernehmen.
Was würden Sie anderen (internationalen) Studierenden raten?
Meiner Meinung nach sollte jeder*r die Freiheit haben, eigene Erfahrungen zu machen und seinen persönlichen Weg zu finden. Dabei ist jede Erfahrung individuell und wertvoll – deshalb geht es weniger um das Raten, sondern um das eigene entdeckende Lernen.
Aus meiner Perspektive kann ich aber sagen, dass es sich sehr lohnt, die Angebote der Hochschule aktiv zu nutzen – zum Beispiel Seminare bei HAWK plus zu besuchen, an hochschulinternen Programmen oder Projekten mitzuwirken oder Fördermöglichkeiten wie das Deutschlandstipendium zu nutzen.
Außerdem hat mir persönlich sehr geholfen, ein Netzwerk aufzubauen – sowohl mit internationalen als auch mit lokalen Studierenden und Dozierenden.
Zudem lohnt es sich, die Zeit nicht nur ins Studium zu investieren, sondern auch die Stadt Hildesheim zu entdecken und sich selbst in diesem neuen Umfeld besser kennenzulernen. Denn oft sind die schönsten Begegnungen, die mit sich selbst.
Alles in allem würde ich sagen: Bleibt neugierig, vernetzt euch aktiv und nutzt jede Gelegenheit, Neues zu lernen – im Studium und darüber hinaus.
Haben Sie während des Studiums Praktika, Auslandsaufenthalte oder Nebentätigkeiten absolviert, die Sie weitergebracht haben?
Im Rahmen meines Studiums habe ich vielfältige Praktika in Kitas absolviert, die konzeptionell unterschiedlich ausgerichtet waren.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir eine Elterninitiative-Kita. Neben dem hohen Mitspracherecht der Eltern erlebte ich dort ein ausgeprägtes Gemeinschaftsgefühl. Eltern, Kinder und pädagogische Fachkräfte arbeiteten eng zusammen, kannten sich gut und unterstützten sich gegenseitig. Dadurch entstand eine familiäre Atmosphäre, in der sich die Kinder sichtbar geborgen fühlten. Ich beobachtete, dass sich Eltern aktiv einbrachten – sowohl organisatorisch als auch praktisch – und Bildung, Betreuung und Erziehung als gemeinschaftliche Aufgabe verstanden wurden. Im Sinne des Sprichworts „Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind großzuziehen“ wirkte diese Elterninitiative wie ein solches „Dorf“. Diese Erfahrung hat meinen Blick auf Bildung und mein pädagogisches Selbstverständnis nachhaltig erweitert.
Darüber hinaus war ich als studentische sowie wissenschaftliche Hilfskraft an der HAWK Hildesheim tätig und erhielt Einblicke in verschiedene Tätigkeitsfelder wie Forschung, Weiterbildung, Kommunikation, Gleichstellung und Lehre. Besonders bereichernd war für mich die Vielfalt dieser Bereiche, da ich ein umfassendes Verständnis für die differenzierten Aufgabenbereiche im Hochschulkontext entwickeln konnte.
Özge Deviris
Studiengang: BA Soziale Arbeit (Hildesheim)
Das machen Sie heute: Wissenschaftliche Mitarbeiterin