Schlaganfälle stellen in Deutschland eine der häufigsten Ursachen für langfristige motorische Einschränkungen dar, insbesondere der oberen Extremität. Gleichzeitig sind die stationären Rehabilitationszeiten in den vergangenen Jahren deutlich verkürzt worden, wodurch sich therapeutische Leistungen zunehmend in den ambulanten Bereich verlagern. Dort bestehen jedoch strukturelle, personelle und regionale Versorgungsengpässe, die eine leitliniengerechte, hochdosierte Neurorehabilitation erschweren. Internationale Studien weisen darauf hin, dass digitale Gesundheitsinterventionen (DHI) eine wirksame und potenziell kosteneffektive Ergänzung darstellen können. Allerdings sind die in Forschung und Praxis verwendeten Begriffe und Definitionen nicht eindeutig. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat deshalb 2018 eine Taxonomie dieser DHI entwickelt, die eine gemeinsame Sprache über Berufsgruppen hinweg bereitgestellt hat. Allerdings erschwert eine fehlende Klarheit der Definitionen und Begriffe sowie der zugrunde liegenden technologischen Konzepte (bild-, sensor- und VR-basiert) und räumlichen Kontexte (in Gesundheitseinrichtungen bzw. im häuslichen Umfeld) den Vergleich der Erkenntnisse und Wirksamkeiten verschiedener Studien sowie die Bewertung der Evidenz in diesen Bereichen. Mit Hilfe eines Scoping Reviews wurden die zentralen Konzepte, Theorien und Definitionen des Themenfelds identifiziert, um die inhaltlichen Grundlagen und Zusammenhänge klar herauszuarbeiten.
Stangenberg-Gliss K, Elser A, Borgetto B. (2023): The taxonomy of "digital health interventions" and their sub-groups in the therapeutic rehabilitation of stroke patients - A scoping review. International Journal of Health Professions, Vol. 10(1), 2023, S. 150-160. https://doi.org/10.2478/ijhp-2023-0011
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Nach der Begriffsklärung und Definition wurde ein Pyramiden-Review durchgeführt, um die Wirkung telerehabilitativer Anwendungen in häuslicher Umgebung zur Verbesserung der Funktion der oberen Extremitäten bei Schlaganfallpatienten zu bewerten. Das Ziel eines Pyramidenreviews besteht darin, Forschungsevidenz nach Forschungsansatz und Aussagekraft zu bündeln und zu bewerten. Dies erfolgt durch die systematische Zusammenführung von Studien- und Publikationstypen entlang einer Evidenzpyramide. Sie unterscheidet systematisch vier Ansätze (quantitativ-experimentell, quantitativ-beobachtend, qualitativ-experimentell, qualitativ-beobachtend) und ordnet Studien in Evidenzstufen ein, sodass sichtbar wird, wo Evidenz über- oder unterrepräsentiert ist.
Auf diese Weise entsteht ein differenziertes Bild der Wirksamkeit unter Idealbedingungen (Wirksamkeit/Efficacy) und unter Alltagsbedingungen (Effektivität/Effectiveness). Die daraus resultierende, systematisierte Übersicht identifiziert die bestverfügbare Evidenz für die berufliche Praxis, in der Forschung und Lehre.
Stangenberg-Gliss K, Kopkow C, Borgetto B. Synchronous Home-Based Telerehabilitation of the Upper Extremity Following Stroke-A Pyramid Review. Healthcare (Basel). 2025 Jan 6;13(1):90. https://doi.org/10.3390/healthcare13010090
In einem nächsten Schritt wurden die wirksamsten Interventionen aus dem Pyramidenreview einer Übertragbarkeitsanalyse (Contextual Transferability Analysis – CTA) unterzogen. Ziel einer CTA ist es, systematisch zu prüfen, inwieweit eine Intervention, ein Programm oder Evidenz aus einem Ursprungskontext auf einen neuen Zielkontext (z.B. die ambulante ergotherapeutische Versorgung in Deutschland) übertragbar ist. Dazu werden Kontextmerkmale, Mechanismen, Ressourcen und Anforderungen verglichen, um Bedingungen, notwendige Adaptionen und erwartbare Wirkungen im Zielkontext abzuleiten.
Stangenberg-Gliss K, Kopkow C, Borgetto B. (2025). Telerehabilitation der oberen Extremität nach Schlaganfall im häuslichen Kontext in Deutschland – eine Contextual Transferability Analysis. [Manuskript zur Veröffentlichung eingereicht]
Als sinnvoller letzter Schritt entsteht eine Programmtheorie für eine wirksame Telerehabilitation für Menschen mit Einschränkungen der oberen Extremität nach Schlaganfall. Eine Programmtheorie besteht aus einem Set deskriptiv-erklärender und präskriptiv-praxisorientierten Theorien. Ziel einer Programmtheorie ist es, die Wirkungsweise eines Programms transparent und prüfbar darzustellen: Sie soll erklären, warum, wie und unter welchen Bedingungen die gewünschten Wirkungen eintreten, die erwarteten Outcomes vorhersagen und die notwendigen Voraussetzungen für das Erreichen dieser Wirkungen spezifizieren.